Offener Brief an Ministerpräsident Laschet

Offener Brief

Verordnung / Sonderjagdrecht für Schwarzwild - Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Laschet,

gegen das geplante Sonderjagdrecht auf Schwarzwild bei Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest möchten wir in schärfster Form protestieren. Die beabsichtigten Maßnahmen stellen massivste Verstöße gegen das Tierschutzgesetz dar. Wir halten insbesondere die drei nachfolgend aufgeführten Punkte für völlig inakzeptabel:

1. Die Bejagung von Schwarzwild mit Schrotmunition zu erlauben, bedeutet vorsätzliches „KRANKSCHIESSEN“ von Wildtieren, wodurch diesen erhebliche Schmerzen und Leiden zugefügt werden.

2. Das Locken der Wildschweine in Saufänge, um sie dort abzuschießen, ist ebenfalls mit erheblichen Schmerzen und Leiden verbunden. Nach dem ersten Schuss werden die Tiere in Panik und Todesangst geraten. Eine derartige Vorgehensweise kann man nur als „Gemetzel“ bezeichnen.

3. Die Aufhebung des Elterntierschutzes bedeutet, dass führende Bachen getötet werden und den Frischlingen vorsätzlich Schmerzen und Leiden zugefügt werden, da sie ohne das Muttertier hilflos sind und dem Hungertod ausgesetzt werden.

Die von Ihrer Regierung geplanten Eingriffe in das Tierschutzrecht sind derart massiv, dass zu prüfen wäre, ob sie überhaupt verfassungskonform sind, da der Tierschutz im Grundgesetz (§ 20 a) festgeschrieben ist.

Wir fordern Sie deshalb auf, diese unverhältnismäßigen Maßnahmen nicht zuzulassen und die Verordnung in dieser Form nicht in Kraft treten zu lassen !

Warum werden nicht ethisch vertretbare Methoden zur Populationskontrolle des Wildschweinbestandes verwendet? Wie schon im Mai 2018 von der Autonomen Universität Barcelona (Spanien) in einer Feldstudie bewiesen worden ist, konnte durch die Verwendung eines Verhütungsimpfstoffes die Regulierung von Wildschweinbeständen erfolgreich durchgeführt werden. (Quelle: El Consejo de general de la Abogacia: La CPDA del ICAB celebra el exito del control etico de jabalies con la vacuna anticonceptiva. 23.5.2018).

www.abogacia.es/2018/05/23/la-cpda-del-icab-celebra-el-exito-del-control-etico-de-jabalies-con-la-vacuna-anticonceptiva/.

Uns ist bekannt, dass die geplante Verordnung zum Sonderjagdrecht auf Schwarzwild eine Schutzmaßnahme für die Schweine- und Fleischindustrie darstellt, da im Falle der ASP ein sofortiger Exportstopp die Folge wäre.

Die Produktion tierischer Produkte wie z. B. Fleisch für den Export halten wir für sehr bedenklich. Finden Sie, Herr Laschet, es richtig, dass durch die in der konventionellen Landwirtschaft anfallenden riesigen Güllemengen unser Trinkwasser mit Schadstoffen wie z. B. Nitrat belastet wird und durch den massiven Einsatz von Pestiziden unsere Natur und Umwelt zerstört wird, damit die Agrar- und Fleischindustrie durch den Export satte Gewinne einfahren kann?

Das Argument „Arbeitsplätze“ zählt auch nicht mehr, wenn wir sogar Fachkräfte aus nicht EU-Ländern anwerben. Politik und Wirtschaft müssen einfach mehr in Umschulungen und Weiterbildungen investieren.

Aus Gründen des Klima-, Umwelt-, Natur-, und Tierschutzes sollten Sie endlich damit anfangen, das Ruder herum zu reißen und einen zügigen Paradigmenwechsel einzuleiten – weg von der konventionellen Landwirtschaft und hin zu einer ökologischen Landwirtschaft. Eine Schlüsselrolle nimmt hierbei die deutliche Reduzierung der Nutztierbestände ein. Als erstes Mittel sollten keine Stall-Neubauten mehr genehmigt werden, die zu einer Erhöhung der Nutztierbestände führen. Es gibt zahlreiche Alternativen, um aus der konventionellen Tierhaltung auszusteigen z. B. die Zucht von Edelpilzen oder Indoor-Farming für witterungsempfindliche Früchte.

 Um die Umstellung der Landwirtschaft zu finanzieren, schlagen wir eine Ökosteuer auf Lebensmittel und Getränke (mit und ohne Alkohol) vor, die für die einzelnen Artikel nur wenige Cent betragen müsste. Durch diese im Einzelnen kleinen Beträge würde sich aber in Gänze ein großes Potential für die Finanzierung der dringend notwendigen Umstellungen im konventionellen Bereich der Landwirtschaft ergeben. Bioprodukte sollten von der Ökosteuer ausgeschlossen sein! Durch die Ökosteuer „wachen“ sicherlich viele Menschen auf und erlernen eine neue Wertschätzung für Lebensmittel.

Den Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft sehen wir als gesamtgesellschaftliche Aufgabe, die von allen Bürgerinnen und Bürgern zu tragen und zu finanzieren ist und somit nicht zu Lasten der Landwirte allein gehen darf. Für die Landwirte dürfen nicht mehr Kosten entstehen als für jeden anderen Menschen.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident, wussten Sie, dass rund 90% der Welt-Sojaernte und mehr als die Hälfte des angebauten Getreides an die so genannten „Nutztiere“ für die Fleisch-, Milch- und Eier-Produktion verfüttert werden? Die Aufzucht und Haltung von „Nutztieren“ ist eine der Hauptursachen für Klimawandel, Umweltzerstörung, Wasserknappheit und Hunger auf der Welt, hinzu kommen grausamste Tierquälereien. In der Zeitschrift Test der Stiftung Warentest vom Januar 2020 (Seite 8) wird der Speiseplan für eine sichere Zukunft aufgezeigt. Durch einen Wechsel zur „Planatary Health Diet“ wäre man in der Lage bis zu 10 Milliarden Menschen zu ernähren, ohne dass unsere Welt schaden nimmt. Hierbei geht man von einer 2500-kcal-Ernährung pro Person und Tag aus, die überwiegend pflanzenbasiert ist und nur geringe Anteile an tierischem Protein enthält. Weitere Einzelheiten können Sie unter www.test.de/weltretter-speiseplan nachlesen.

Als Landesvater, der einer Partei angehört, die das „C“ für christlich in ihrem Namen führt, sollte Ihnen die Bewahrung der Schöpfung besonders am Herzen liegen. Fakt ist aber, dass Sie tagtäglich den tausendfachen Verrat an der Schöpfung tolerieren.

Sehr geehrter Herr Ministerpräsident Laschet, wir möchten Sie zu einem Besuch in unser Tierheim nach Bünde einladen. Bei dieser Gelegenheit können wir Ihnen vielfältige pflanzenbasierte Leckereien zum Probieren anbieten.

Unser Motto ist: Tierschutz = Naturschutz = Umweltschutz = Klimaschutz = Menschenschutz

In Erwartung Ihrer Nachricht verbleiben wir

mit freundlichem Gruß

Tierschutzverein Herford e. V.

1. Vorsitzende

Renate Lindemeier-Siekkötter

Eine neue Art von Denken ist notwendig, wenn die Menschheit weiter leben will. - Albert Einstein -

 

 

 

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